Blog Vorbemerkung

Die Blogartikel spiegeln fast fünf Jahre Gegenwartsreflexion aus kairologischer Perspektive wider. Immer wird versucht, zum historischen Kairos vorzustoßen. Die Frage war also: Was hielten die aufgegriffenen Persönlichkeiten jeweils für ihr Optimum? Wie glaubten Sie, am stärksten ihrer Berufung und der größten historischen Kraft zu folgen? Natürlich spielen immer auch Charakterzüge, Umstände, Machtbedürfnisse, taktische Überlegungen, Zufälle eine Rolle, aber im Kern ging es allen um mehr, nämlich um ein Handeln, das sie für innerlich notwendig hielten. Bis zu diesem Punkt vorzudringen, wo es um Sinn ging im Hier und Jetzt, war unser Anliegen. Nehmen Sie die Texte als Anregung und Hilfe dafür, kairologisches Verstehen besser zu verstehen.

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Paris vor einem Jahr.  Kurz vor Weihnachten will jemand im Blumengeschäft einen Adventskranz. Es sei eine neue Mode, so vermerkt ein Korrespondent dazu, sich einen deutschen Adventskranz nach Elsässer Art in die Wohnung zu stellen. Allerdings, wird angemerkt, wüßte kaum jemand,worin genau der Sinn der vier Kerzen bestehe. Bei uns dürfte immerhin noch bekannt sein, dass der Advent der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest dient und die vier Kerzen die vier Adventssonntage bezeichnen. Aber warum vier? Hier gibt das Christentum aus kairologischer Sicht eine tiefgründige Antwort.

Makrohistorisch symbolisiert der Advent die Sehnsucht und Vorbereitung der Menschheit auf die Vereinigung von Gottheit und Menschheit in der „Fleischwerdung" des Logos in Jesus Christus. Dieser neue und endgültige „Bund" wird in der Gestaltung des AT auf vier Transformationsstufen vorausgebildet.
Am Anfang steht der Bund mit „Noah" – nach der Sintflut eine neue Einheit der ganzen Menschheit mit Gott. Die zweite Stufe ist der Bund mit „Abraham". Er bezieht sich bereits auf eine bestimmte Generationenkette von Nachkommen. Auf der dritten Stufe steht der Bund mit „Mose". Er realisiert sich über eine gemeinsame, von Gott vorgegebene Vernunfteinheit, versinnbildlicht in den Gesetzestafeln (Torah). Die letzte Stufe ist der Davidsbund. Er verkörpert die Einheit von Jahwe mit einem konkret geschichtlichen Staat „Israel", bezogen auf ein prähistorisches kleines Land und eine nach wie vor existierende Hauptstadt Jerusalem.

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Wer sind Ihre wahren literarischen Freunde in der Geschichte? Erlauben Sie mir mal, mit der kairologischen Tür ins Haus zu fallen. Kurz: Sagen Sie mir, wann Sie geboren sind, und ich sage Ihnen, wer die für Sie wahren Autoren sind.

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Kairologisch haben wir nicht die Aufgabe, Wahlergebnisse vorherzusagen. Wichtiger ist es, die maßgeblichen Persönlichkeiten tiefer zu verstehen.
Angela Merkel (Jg. 1954/C4c1). Die Bundeskanzlerin steht am Ende der ersten Schichtung einer Beziehungsgeneration. Sie hat mit ihren 59 Jahren die Zeit der persönlichen Selbstentfaltung ausgeschöpft und befindet sich gerade am Ende des ersten Lebensquants der 10. Lebensphase. Vor 8 Jahren hat sie sich die Macht erkämpft, vor  4 Jahren hat sie diese vernünftig mit der FDP geteilt. Jetzt agiert sie aus einer Position der Ruhe und persönlichen Überlegenheit heraus. Inzwischen ist offensichtlich, dass sie nicht als Funktion von Prinzipien zu verstehen ist. Sie orientiert sich vielmehr an der möglichen geistigen Beziehung, die sich zwischen den Prinzipien, an die sie glaubt, und den Menschen, wie sie sich verändern, herstellen lässt. Sie hat den Fall Fukushima hergenommen, um aus der Atomkraft auszusteigen. Damit nahm sie ihren Gegnern ein wesentliches Anliegen aus der Hand. Sie erkannte hier ein allgemeines Bedürfnis, auch wenn die praktische Umsetzung dieser Kehrtwende bis heute nicht geklärt ist.Wie ist Merkel zu verstehen? Stets ist ein Dreifaches zu bedenken: 1. Sie vertritt geistig bestimmte Prinzipien. 2. Ihr zweiter Pol sind die Menschen, wie sie in ihrer Dynamik einfach sind. 3. Sie stellt in ihrer Person zwischen beiden eine Beziehung her, die sich in einem bestimmten Verantwortungsbewusstsein zeigt. Die daraus hervorgehenden Zielsetzungen sind ihre eigentliche kreative Leistung. Warum schadet es Merkel nicht, dass sie wiederholt ihre Positionen wechselt? Weil bei ihr die Menschen den Grund eher darin sehen, dass ihr im Zweifelsfall das Wohl des Staates wichtiger ist als die Programmatik ihrer Partei. Daher geht die Strategie der SPD, ständig an diesen Wandel zu erinnern, nach hinten los. (Das geht auch aus politologischen Untersuchungen an dem Mannheimer Uni hervor, vgl. Süddeutsche Zeitung v. 22.8.2013,2.). 

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718 Jahre lang wagte es kein Papst mehr zurückzutreten. Warum tat es Benedikt XVI.? Keine akute Krankheit, keine Demenz. Die Rede war nur vom Alter, von nachlassenden Kräften, – das hätte auch für die meisten Vorgänger gegolten. Wenn es aber – vor allem aus Sicht der Kardinäle – keine echten Argumente gab, warum dann? Um welchen letzten großen symbolischen Akt ging es Benedikt? 

Dazu müssen wir dorthin schauen, wo sich zwischen Input und Output in einem Menschen die Welt nach Kraft und Bedeutung ordnet. An diesem „Ort“ verbindet sich unser Hier und Jetzt mit einer größeren menschlichen Dynamik, die wir gewöhnlich nur ahnen. Dort, an diesem namenlosen „Ort“, den man auch „Seele“ nennen könnte, wird entschieden, was für jeden das „Optimum“ im Ganzen ist. Wir haben viele Namen für unsere Beziehung zu diesem „Ort“, von dem unsere eigentlichen Gewissheiten ausgehen. Immer geht es dabei um Kairos, hier um einen echten historischen Kairos. 

Was war der historische Kairos, der einem Josef Ratzinger mit dem Jahrgang 1927 mitgegeben war? Auf welche Weise glaubte er, seiner Berufung am besten gerecht zu werden? Gewöhnlich können wir darauf nur antworten, indem wir eine lange Kette von Indizien schmieden, die wir gemäß der eigenen Perspektive auswerten. Der Vorteil des Kairos-Wissens ist: Wir können den inneren Horizont einer Persönlichkeit in seinem Generationsfeld verorten. Das führt uns auch in diesem Falle zu einer schnelleren und sichereren Wertung. 

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„Offenbar spiegelt die Talkshow den Wandel, den das Selbstbld des Deutschen in den letzten Jahren erfahren hat. Erlebt er sich noch als Bürger, oder sieht er sich inzwischen vor allem als Kunde, Betroffener, Verbraucher, Patient, Versicherter, Klient? Auffallend oft sind es Kunden-, Patienten-, Verbrauchersorgen, die in den Sendungen besprochen werden: Tut mir das gut? Brauche ich das? Der Zuschauer wird, gemäß einem Journalisten-Gemeinplatz, `dort abgeholt, wo er steht`.
Auf Empathie, auf Mitgefühl über die eigene Schicht hinaus zielen die Sendungen selten ab. Sie sind, pathetisch gesagt, nicht darauf angelegt, dass wir unser Leben ändern. Nimmt man all die Talkshow-Überschriften zusammen, ergeben sie einen Überbegriff: Vertrauensverlust. Um nicht zu sagen: Weltvertrauensverlust. Vor 20, 25 Jahren, so glaube ich mich zu erinnern, war das noch anders. Da wurde in verqualmten Studios der Zustand der Welt besprochen, und mit dem Tabaksqualm schienen Visionen, Pläne, Gegenentwürfe aufzusteigen.“
 
(Peter Kümmel, Die Volkstherapeuten, in: DIE ZEIT Nr.50 v. 8.12.2011, 17-19, hier 19.)
 
Wie individuell die gegenwärtig einflussreichen Talkshowmoderatoren auch sein mögen, sie alle wirken für einen aufmerksamen Beobachter von außen wie „Volkstherapeuten“. Ein kollektiver Generationswandel fällt auf.
?Wie immer wollen Talkshowmoderatoren, ihre Produktionsteams und Programmdirektoren nichts anderes als  ihrem eigenen Potential am besten zu entsprechen und maximal in Resonanz mit ihrer Zielgruppe zu treten, um erfolgreich zu sein. Warum aber tritt gerade dieses Potential so in den Vordergrund? Warum stoßen gerade diese „Formate“ auf so viel Resonanz? Die Kairologie interessiert sich für die dahinterstehenden Generationsfelder. Wie sieht die Welle aus, auf der man surft? Woher kommt sie? Wie lange hält sie? Wen betrifft sie?

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Wer will, kann sich am ersten Weihnachtstag das Kairos-Muster unseres Bundespräsidenten Christian Wulff (Jg. 1959) anschauen. Dieser  hält wie schon letztes Jahr die Weihnachtsansprache nicht mehr am Schreibtisch sitzend, sondern im Stehen, umringt von ebenfalls stehenden Bürgerinnen und Bürgern, die sich ehrenamtlich verdient gemacht haben.

Nun empfehle den Interessierten, sich zuvor das Kairos-Kalenderblatt vom 24. Juni 2010 durchzulesen. Da heißt es unter anderem zu Wulffs polarem Muster maximalen Handelns: „Die gemeinsamen Zukunftsziele müssen in der vertrauensvollen wechselseitigen  Beziehung von Staat und Volk entstehen.“ Köhler hat sich noch besonders für Afrika engagiert, für Wulff steht die eigene Volksgemeinschaft im Mittelpunkt. Er versteht sich als der Jogi Löw einer freien und bunten Gesellschaft verschiedener Lebenswelten. Die Aktivierung aller Kräfte geht am stärksten aus der Haltung des „Respekts“ hervor. Auch innerhalb der Weltgemeinschaft sei Deutschland „hoch geachtet“. Seine Aufgabe definiert der Präsident so: „Mut zusprechen“

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Die Kunst der Politik ist, die richtige „Welle", also jene „kritische Masse" abwarten zu können, mit der sich die vorhandenen Hindernisse überwinden lassen und auf der sich dann wirklich so surfen lässt, wie man eigentlich will. Die Wirkung des Unglücks von Fukushima in Deutschland und die Reaktion von Merkel ist ein gutes Beispiel dafür. Die Bevölkerung ist emotional betroffen, die Atomlobby ist argumentativ geschwächt. Auf einmal funktioniert der Schwenk: Moratorium für 7 AKWs (von denen viele sicher nicht mehr ans Netz gehen werden), auf die Schnelle zwei neue Kommissionen. Natürlich spielen die Landtagswahlen eine gewisse Rolle, da es auch um Machterhaltung geht, aber der Kern liegt woanders, im historischen und geistigen Kairos von Merkel selbst.

Es erweist sich, dass die Kernkraft nicht so sicher ist wie behauptet. Für die technischen Probleme ist Kommisson 1 zuständig. Es erweist sich ferner, dass das „Volk" längerfristig keine AKWs mehr will. Zu welchem gemeinsamen Willen aber reicht die Kraft? Das ist die Frage für Kommission 2. Die weisesten 14 Vertreter und „Nothelfer" der „Öffentlichkeit" sollen einen möglichst breiten Energiekonsens der Gesellschaft formulieren. Aus beiden soll ein neuer Zielkonsens hervorgehen, zu dem Merkel dann die Realität Schritt für Schritt hinführen will.

Es gäbe viele andere Wege, wie die Kommentare in den Medien zeigen. Warum also so und nicht anders? Hier ist Merkels Maximumfaktor, ihr Kairos gut zu erkennen. Sie (Jahrgang 1954) gehört zu einer sogenannten „Beziehungsgeneration", in der die Menschen nicht nur Funktion gewisser objektiver Güter sind, sondern diese Güter und die geschichtliche Bewegung zwei zunächst selbstständige Pole des Ganzen sind, die beide ihre volle Kraft erst dann entfalten, wenn sie auf ein Drittes, ein gemeinsames Ziel bezogen sind. In diesem Generationsfeld steht Merkel am Ende der ersten von vier Schichtungen (Jg. 1948/49 bis 1954). Dies bedeutet, dass sie, die „Moderatorin", glaubt, ihr Maximum zu leisten, indem sie für das Handeln eine möglichst große geistige Willensplattform schafft. Irgendetwas in ihr sagt ihr: Je klarer ist, was wir alle gemeinsam wollen, desto größer ist die gesellschaftliche Kraft zur Verwirklichung.

Das Ergebnis wird in diesem Falle eine Art überparteilicher „Energiekonsens" sein. Wie so etwas, angewandt auf die deutsche Wirklichkeit, aussehen wird, lässt sich gut an der „Erklärung anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge" von 2007 ablesen. „Wir verwirklichen ...; wir streben ...; wir leben und wirken ...; wir wahren ... mit der Konsequenz, dass alle Regierungschefs die EU bis 2009 „auf eine erneuerte gemeinsame Grundlage" stellen wollten. Damals beklagten die christlichen Kreise den fehlenden Gottesbezug. „Zufällig" allerdings wurde diese reine Botschaft, dass wir in der EU „zu unserem Glück vereint" sind, an einem 25. März verkündet, dem liturgischen Festtag der Verkündigung der Frohen Botschaft durch den Engel Gabriel an Maria, neun Monate vor Weihnachten. Gut möglich, dass der Energiekonsens nächstes Jahr an Pfingsten besiegelt wird.
© Dr. Karl Hofmann

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Die Nation diskutiert über zu Guttenberg und seine Doktorarbeit. Das Thema ist so heiß wie gegenwärtig Libyens Sand. Da es die Menschen bewegt, offenbaren die öffentlichen Diskussionsrunden gut die Grundeinstellungen der Beteiligten. Wie aber stellt sich der Fall kairologisch dar? Hier spielen geschichtliche Zeitfenster und die damit verbundenen Deutungsmuster eine entscheidende Rolle.

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Konnte sich früher jemand vorstellen, dass Politiker wie Strauß oder Wehner sich im besten Mannesalter hätten aus der Politik ins „Privatleben" zurückziehen können? Stellvertretend für diese Uraltgeneration von Politikern äußerte erst kürzlich Helmut Schmidt sein Unverständnis für solches Verhalten. Innerhalb eines Jahres verabschiedet sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten inmitten der jeweiligen Amtszeit (außer Rüttgers) und dies mit auffallend ähnlich lautenden und nichtssagenden Argumenten wie „alles hat seine Zeit".

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