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Sollen wir den König köpfen oder ihm eine „freundschaftliche“ Repräsentantenrolle gewähren? So lautete die Brexit-Frage vor knapp 400 Jahren. Ähnlich stellte sie sich schon vor rund 800 Jahren, damals im mittelalterlichen Kontext. Diese klare Erkenntnis geht aus der kairologischen Perspektive hervor. Sie hilft uns, mit mehr Abstand auf das aktuelle Ringen zu blicken.

1215 wurde die Magna Charta unterzeichnet. Die endgültige Fassung stammt von 1225. Die Rolle der EU fiel damals dem englischen König zu, die Rolle des englischen Parlaments dem Adel. Er revoltierte gegen die autoritäre Führung des Königs Johann Ohneland. Die königliche Zentralgewalt wurde dadurch langfristig eingeschränkt.

Etwa 400 Jahre später kehrte in verwandelter Form der Konflikt wieder. Diesmal waren die Vorzeichen konfessionell. Auf der einen Seite stand die Politik der Krone, die sich dem katholischen Spanien und Frankreich annäherte. Auf der anderen Seite standen die Erwartungen des Volkes und eines großen Teils des Adels. Schon in den 1620er Jahren fürchtete man eine katholische Invasion. Schließlich kam es 1641 zum Ausbruch der irischen Rebellion. Antipapismus wurde zu einem unabdingbaren Grundfaktor der englischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. Er gipfelte in der Hinrichtung von König Karl I 1649. Auch in der Folgezeit blieb es ein jahrzehntelanges Ringen zwischen dem katholischen Stuartkönigtum und den protestantischen Gegnern des königlichen Absolutismus. Die Entscheidung fiel endgültig in der glorreichen Revolution von 1688. Damals wurde die Bill of Rights durchgesetzt. Sie ist bis heute die Grundlage für das parlamentarische Regierungssystem im Vereinigten Königreich.

„Und was ist mit dem Jahr 1534?“ fragt der historisch Bewanderte. Damals trennte sich unter König Heinrich VIII offiziell die anglikanische Kirche von der römisch-katholischen. Dieser Vorgang hatte aber eine andere Funktion. Er ersetzte, wie in vielen europäischen Ländern, die römische Zentralgewalt durch die königliche.

Heute geht es um einen tief sitzenden, vor allem von englischen Parlamentariern getragenen Widerstand Großbritanniens gegen die volle Mitgliedschaft in der EU. In den Debatten klingt immer wieder an, dass sich Großbritannien unter einer europäischen Gemeinschaft vor allem eine Freihandelsgemeinschaft vorgestellt habe. In den letzten Jahrzehnten entwickelten sich aber die EU-Organe in Brüssel und Straßburg immer mehr zu einer Zentralgewalt, die in alle Lebensbereiche seiner Mitgliedstaaten eingriff.

Vor diesem Hintergrund musste der Punkt kommen, an dem die englische „Seele“ (so auch Boris Johnson in seiner Rede am 19. Oktober 2019) zu revoltieren begann. Ein Teil der Abgeordneten ist zu jedem Opfer bereit, sprich, auch zu einem No-Deal-Brexit. Einem solchen hätte im 17. Jahrhundert die Enthauptung des Königs entsprochen.

Zu glauben, es ginge hier ausschließlich um Wirtschaft und Finanzen, verkennt das kollektive seelische Erbe. Dazu sollte man allerdings um etwas wissen, was heute leicht vergessen oder verdrängt wird. Völker und Staaten sind mehr als die Summe ihrer Individuen. Sie sind kollektive Energiekörper, die im Laufe der Jahrhunderte eine je eigene Wirklichkeitsperspektive entwickeln und mit gewissen Themen in gewissen Zeitabständen erneut kämpfen.

Der Brexit hat also im Grunde eine 800-jährige Geschichte. Sowohl im 13. als auch im 17. Jahrhundert kämpften die Anhänger einer wie immer geformten Zentralgewalt mit dem starken Selbstbewusstsein der Repräsentanten der Gemeinschaft. Der zähe Kampf um Entstehung und Durchführung des Brexit ist nur die moderne Form einer notwendigen Rückkehr in die natürliche polare Gestalt, die die Beziehung Großbritanniens zum jeweiligen Ganzen charakterisiert.

In dieser Perspektive wird auch verständlich, wieso ein Parlamentspräsident wie Bercow bei seiner Regelauslegung bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts zurückgeht und wieso Schotten, Waliser und Nordiren die uralten Konflikte wieder in die Debatte hineintragen. Wie genau ist der Weg zu gehen? Darum wird heute genauso erbittert gestritten wie einstmals.

Dr. Karl Hofmann

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