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Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise formulierte Angela Merkel ein kollektives Bekenntnis: „Wir schaffen das.“ Interessant ist, wie Gerhard Schröder nach eigener Aussage formuliert hätte : „Wir können das schaffen, wenn wir bereit sind, die Voraussetzungen dafür hinzu bekommen.“

Er hätte es also nur unter sachlichen Bedingungen gesagt, wie zum Beispiel unter Berücksichtigung der Kapazitätsmöglichkeiten in Kommunen und Ländern und der Bereitschaft von Bund, Ländern und Gemeinden, die gemeinsame Anstrengung zu leisten. Für Schröder war es ein Fehler von Merkel, dass sie in einer Ausnahmesituation den Anschein erweckte, das sei die neue Normalität.

Darf man Merkels Satz als Fehler bezeichnen? War das von Merkel eine spontane Aussage? Wir wissen heute: sicherlich nicht. Sie steht eisern dazu. Ist das wirklich nur die Angst einer Politikerin vor dem beschämenden Rückzug? Ich halte das in diesem Fall für eine zu banale Psychologie. Wir sollten vielmehr ernsthaft fragen: Warum tut diese Politikerin, die doch sonst immer so vorsichtig agiert, so etwas?

Für mich ist der Unterschied zwischen Merkel und Schröder nur kairologisch zu erklären. Schröder handelt und denkt in einem anderen Sinn-Raum. Dieser Sinn-Raum ist kein abstraktes Gebilde, insofern er an eine ganz bestimmte geschichtliche Zeit, seine historische Generation gebunden ist. Von diesem Generationsraum hängt konkret geschichtlich ab, was jemand für sein Optimum ansieht. Gerhard Schröder, Jahrgang 1944, steht am Anfang einer vierten Schichtung. Für ihn ergibt sich dieses Optimum aus der Summe der gemeinsam bewältigten Fakten. Die Summe aller Kompetenzen und personellen oder finanziellen Mittel begründet für ihn die Möglichkeit, eine solche Situation zu „schaffen“.

Was ist bei Merkel anders? Sie ist Jahrgang 1954 und gehört zu einem neuen Generationsfeld. Für sie genügt es politisch noch nicht, ein Problem auf der sachlichen Ebene zu lösen. Für sie gibt es einen Mehrwert, der aus der Kraft der gesamten Bevölkerung hervorgeht. Und diese Kraft findet ihren Ausdruck darin, dass für bestimmte universale Werte ernsthaft eingetreten wird. Als Politikerin versteht sie ihre Aufgabe darin, zwischen der „Sache“ und und dieser gemeinsamen Kraft eine bewusste Beziehung herzustellen und auf diese Weise erst das mögliche Maximum zu aktivieren.

Natürlich weiß auch Merkel um die Grenzen unserer Kapazitäten. Und sie bemüht sich darum, in Deutschland, in Europa und außerhalb von Europa die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese Kapazitäten nicht überfordert werden. Aber das alles begründet noch nicht den Sinn ihres Arbeitens. Ihre eigene gewaltige Arbeitskraft erhält für sie den eigentlichen Sinn im Glauben an die gewaltige Kraft, die Deutschland hinsichtlich seiner Werte besitzt.
Bevor sie diesen Glauben an die gemeinsamen Grundwerte aufgibt oder relativiert, tritt sie lieber zurück. Dann hätte sie den gleichen Punkt erreicht wie Kohl und Schröder. Wir wissen, dass Kohl lieber auf seine Partei als auf sein Ehrenwort verzichtete und Schröder 2005 lieber die Kanzlerschaft riskierte, als dass er seine Agenda 2010 infrage gestellt hätte. Hier kommt immer etwas Unbedingtes ins Spiel. Und ich behaupte vor dem Hintergrund der Kairologie: der Grund für dieses Unbedingte ist der sogenannte „historische Kairos“.

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