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Was für das 17. Jahrhundert die kunstvoll arrangierte Kleidung, das gepuderte (und damit schon sichtbar über-natürliche) Gesicht und die zum Teil mehrstöckige Perücke war, das ist für uns die Präsenz im Internet. Der äußeren Form nach käme niemand mehr auf die Idee, sich mit dem Barock zu vergleichen. Und doch sticht die Analogie sofort ins Auge, wenn man auf den tieferen Vorgang schaut. UNSERE höfische Gesellschaft präsentiert sich einander in den öffentlich zugänglichen „Höfen" des Internets. Man schaut einander an auf den Promenaden der verschiedenen Gruppen, zu denen man gehört. Man kommuniziert in der seltsam distanzierten Etikette des Internets. Die Schneider, Parfümierer, Friseure heißen heute IT-ler. Sie sind hochangesehene Handwerker und sehr damit beschäftigt, uns vor dieser Öffentlichkeit nach strengen technischen Vorgaben zu präsentieren.

Den Älteren fällt es vielleicht noch schwer, sich in dieses Korsett der website zu pressen, aber für die meisten Jüngeren ist es selbstverständlich. Man stolziert lieber durch Webräume, als sich in der realen Natur menschlichen Lebens aufzuhalten. Man schreibt lieber E-mails und chattet statt sich persönlich zu zeigen. Die neue Gesellschaftsordnung zwingt noch die letzte Firma zum Internetauftritt, also zur ständigen Präsenz an einem Hof, dessen Monarch kein Gesicht mehr hat.
Auch wir entziehen uns diesem geschichtlichen Schauspiel nicht. Auch wir präsentieren uns (entsprechend der aktuellen Mode), benützen die üblichen Internet-Staffagen, kommunizieren, vernetzen uns, promenieren.

Und doch wird an dieser Betrachtung etwas aufgefallen sein. Eine gewisse Distanz und Ironie. Als ob es ein Spiel sei, ein großes Theaterstück. Aber klingt unsere Rede verzweifelt, wie wir sie bei einem Albert Camus antreffen? Nein. Der Zyniker sieht das Spiel und hält es für sinnlos, der Ironiker sieht darin ein sinnvolles Spiel – und lächelt.

 

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