Die Nation diskutiert über zu Guttenberg und seine Doktorarbeit. Das Thema ist so heiß wie gegenwärtig Libyens Sand. Da es die Menschen bewegt, offenbaren die öffentlichen Diskussionsrunden gut die Grundeinstellungen der Beteiligten. Wie aber stellt sich der Fall kairologisch dar? Hier spielen geschichtliche Zeitfenster und die damit verbundenen Deutungsmuster eine entscheidende Rolle.

Ausgangspunkt der älteren Generation der über 60jährigen sind primär Werte, geistige Grundmuster, zu denen die Taten in Bezug gesetzt werden. Es sind objektive Maßstäbe wie Wissenschaftlichkeit, Ehrlichkeit, Wahrheit, Gesetz, Moral, Politik, manchmal auch kombiniert, an Hand von denen geprüft wird, ob das frühere und jetzige Verhalten im Verhältnis dazu seine Funktion erfüllt oder nicht. Für die einen kommt es daher auf die Fehler nicht an. Für die anderen ist es ein großer geistiger Sündenfall, gegen die wissenschaftliche Etikette verstoßen zu haben. Für sie muss zu Guttenberg unbedingt die Konsequenzen aus den Fehlern ziehen. Das reicht von Scham bis Rücktritt.

Zu Guttenberg (Jahrgang 1971) selbst aber passt nicht in diese Schemata. Er geht innerhalb von fünf Tagen den sprachlichen Weg von Vorwürfen, die „abstrus" seien, bis zu dem Eingeständnis, „gravierende Fehler" gemacht zu haben – und bleibt als Minister. Er teilt sich sogar öffentlich in zwei Personen auf. Die eine hat Blödsinn geschrieben, die andere trägt als Minister ernste Verantwortung. Auch Merkel unterscheidet zwischen einem wissenschaftlichen Assistenten und dem Mitglied des Kabinetts. Zu Guttenberg steigert die Spaltung noch. Während er selbst in einer Wahlveranstaltung verkündet, auf den Doktortitel zu verzichten, lässt er fast gleichzeitig seinen Bruder in Aachen stellvertretend und abgestimmt den Orden wider den tierischen Ernst entgegennehmen und eine äußerst selbstironische Rede halten. Leidet zu Guttenberg an Schizophrenie? Was ermöglicht ihm, trotz der großen handwerklichen Fehler weiterzumachen? Wieso entzieht ihm auch das Volk in der Mehrheit nicht die Sympathie? Kann es nur nicht so schnell seine Illusionen und Hoffnungen aufgeben oder steckt mehr dahinter?

Unsere Antworten haben wesentlich mit der Stellung der Beteiligten in ihrem kairologischen Generationsfeld zu tun. Das Feld, zu dem ein zu Guttenberg gehört, bezeichnet die jüngste Beziehungsgeneration, zu der die Jahrgänge zwischen 1948/49 und 1974/75 gehören. Für sie genügt es nicht für ein optimales Handeln, dass es die Funktion bestimmter Muster ist. Das Eigentliche liegt zwischen den Denkmustern und der faktischen Wirklichkeit. Das Authentische zeigt sich nicht in dem, was einer glaubt oder für richtig hält, sondern in der Einheit von Gegensätzen. Es kommt weniger auf das Glauben als den Glaubenden, weniger auf die Handlung als auf den Handelnden und sein Bewusstsein an. Der Mensch lebt in zwei entgegengesetzten Wirklichkeiten, in einer objektiven und subjektiven, in einer mit hohen Werten und einer anderen mit schweren Fehlern. Die Einheit beider ist die Person. Für Merkel zeigt sich diese im authentischen Bewusstsein, so z.B. im gemeinsamen Bekenntnis von Lissabon. Für zu Guttenberg erweist sich die Person am stärksten im authentischen Handeln. Es kann auch schmerzlich sein, wie bei der Rückgabe des Titels, aber darin gerade wird die wahre Kraft sichtbar.

Die gravierenden sachlichen Fehler seiner Doktorarbeit führt zu Guttenberg zum einen auf die damalige Situation zurück (Karriere, junge Familie, Zeit). Zum anderen ist die wissenschaftliche Etikette zweitrangig geworden. Für zu Guttenberg war wichtig, dass er in Beziehung zu den Texten trat – daher konnten sie als solche stehen bleiben, ganz gleich, woher sie kamen. Er hatte inzwischen in die zuerst von anderen verfassten Texte seine Person hinein gelegt und sie waren somit „unabsichtlich" zu einem Teil seiner eigenen Überzeugung geworden.

Andere sagen, dass zu Guttenberg zuerst gelogen und nun unter Druck mehr und mehr eingestanden habe. Für ihn stellt sich das Ganze anders dar. Für ihn war es sein Weg des Bewusstwerdens, durchaus im Zickzack, aber immer mit dem Zielbewusstsein, er selbst zu bleiben. Die Kraft zeigt sich darin, jenen Weg zu gehen, der zwischen Werten und geschichtlicher Zeitbewegung liegt. Diese Korrespondenz herzustellen ist seine ureigene, durch niemanden ersetzbare Aufgabe. Hier liegt sein Maximumfaktor. Und diese Art von Authentizität verdichtet inzwischen die meist unbewusste Selbsterfahrung vieler, vor allem der mittleren und jüngeren Generation. Für sie ist er „der Politiker". Er verkörpert die Hoffnung, dass es einen solchen tatsächlich geben kann. Gegen diese „Volksmeinung" kommt bisher der wütende Protest der Wächter wissenschaftlicher Etikette nicht an.

Die Kairologie kann uns helfen, den spezifischen Kairos eines zu Guttenberg jenseits unserer Meinungen besser zu verstehen. Natürlich sind noch viele andere an diesem Spiel beteiligt. Offen bleibt daher, wie es politisch ausgeht.
© Karl Hofmann

 

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