Konnte sich früher jemand vorstellen, dass Politiker wie Strauß oder Wehner sich im besten Mannesalter hätten aus der Politik ins „Privatleben" zurückziehen können? Stellvertretend für diese Uraltgeneration von Politikern äußerte erst kürzlich Helmut Schmidt sein Unverständnis für solches Verhalten. Innerhalb eines Jahres verabschiedet sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten inmitten der jeweiligen Amtszeit (außer Rüttgers) und dies mit auffallend ähnlich lautenden und nichtssagenden Argumenten wie „alles hat seine Zeit".

Das Problem der Politiker, die zwischen dem über 90jährigen Schmidt und dem 55jährigen Beust standen, war eher, dass sie sich ihrem „Amt" zu lange verpflichtet gefühlt hatten, die „Zeichen der Zeit" nicht erkannten, wie Kohl, Schäuble oder Stoiber, oder um des „Amtes" willen zurücktraten wie Köhler.

Rätselhafte Veränderungen sind kairologisch immer am interessantesten. Mal sehen, was diese Sichtweise für ein tieferes Verständnis abwirft. Dazu sind die genannten Politiker zunächst grob in drei Generationen einzuteilen. Darunter versteht die Kairologie historische Kreativfelder, zu denen jeweils ca 26 Jahrgänge gehören. Diese haben innerhalb eines großen historischen Systems wie in einer Galaxie einen bestimmten Platz. Statt Sternen aber „leuchten" eben Persönlichkeiten, in denen sich Geschichte auch verdichtet. Diese Generationsfelder sind zwar nicht sichtbar, haben aber wesentlichen Einfluss auf die bestmögliche Beziehung, die jemand zu einer Sache wie die „Politik" einnimmt
Die Jahrgänge 1896 bis 1922 gehören zu einer Aufbruchsgeneration, in der der gemeinsame geschichtliche Geist prinzipiell Vorrang hat vor jeder endgültigen „Form". Ein führender Politiker lebt aus diesem und für diesen Geist, den er in einer bestimmten Größenordnung (z.B. Strauß, CSU) verkörpert. Er repräsentiert seine Bewegung. Politik ist in diesem Sinne nicht Beruf oder Funktion, sondern lebenslange Berufung, die höchstens von außen durch wesentliche Beschädigung des „Rufes" (Brandt, Spion Guillaume) beendet werden kann.

Wer von den Spitzenpolitikern zwischen etwa 1922 und 1948 geboren ist, gehört zu einer „Ordnungsgeneration". Für sie objektiviert sich der Geist des Ganzen in bestimmten Ordnungsmustern und –gütern, wie in diesem Fall z.B. Staat, Wohlstand, Soziale Marktwirtschaft, Euro... Sie sehen Ihre Pflicht darin, die von Ihnen gewählten Ordnungen durchzusetzen, solange sie die entsprechende Funktion innehaben. Erlischt diese Funktion, haben sie mit diesen Dingen nichts mehr zu tun und sind zu völlig neuen Funktionen fähig (Schröder - Gazprom, Fischer – Professor ohne Doktortitel).

Am schwersten ist hier die dritte Generation zu fassen, zu der „zufällig" alle gehören, die innerhalb des letzten Jahres ihr Amt als Ministerpräsident aufgegeben haben. Ihre „Beziehungsgeneration" umfasst die Jahrgänge 1948 bis 1974. Politik bedeutet für sie primär, zwischen den geschichtlichen Kräften (Volk, Wirtschaft, Kultur, Finanz...) und den objektiven Werten des Ganzen in, mit und durch ihre Person eine bewusste Beziehung herzustellen, die sich in einem entsprechenden Zielbewusstsein zeigt. Das entscheidende Handeln eines Politikers oder einer Politikerin besteht also darin, ein solches gemeinsames Zielbewusstsein herauszubilden und dieses dann praktisch durchzusetzen. Die Schichtungen dieser Generation unterscheiden sich darin, wie konkret dieser politische Prozess aufgefasst wird. Das Besondere ist, dass dieser in hohem Maße mit dem biografischen Prozess gekoppelt ist. Die beiden genannten Schritte des Bildungsprozesses sind also eng verbunden mit dem eigenen Lebenstempo und dem Kairos der Lebensphasen. Im Idealfall ist das, was jemand an Bewusstsein in seinem Regierungsfeld erreichen will, mit Vollendung der achten Lebensphase, also mit ca. 52 Jahren durchgeführt. Was danach kommt, ist das vielfältige praktische Umsetzen, das jeder entsprechend dem erlangten Bewusstsein leisten können soll. An dieser Stelle, aber erst an dieser, erlebt man sich als „ersetzbar".

Kairologisch ist davon auszugehen, dass jeder der freiwillig abgetretenen Ministerpräsidenten diesen Maximal-Punkt auf seine Weise erreicht und auf absehbare Zeit gesichert hat. Für Wulff bot sich hier idealerweise der Bundespräsident an, nachdem er sein Integrationsmodell auf Ministerebene eingerichtet hatte. Koch hat gegenüber Ypsilanti die Zukunft seiner Hessen-CDU gesichert und Beust das schwarz-grüne Bündnis in Hamburg etabliert. Die integrative Kraft seiner hanseatischen Persönlichkeit hat zuerst in langen Jahren dafür ein Bewusstsein geschaffen und dies vor drei Jahren zum gemeinsamen Programm verdichtet. Der 55jährige Beust soll schon länger „amtsmüde" gewesen sein.
Der Satz „alles hat seine Zeit" hat für die Vertreter dieser Beziehungsgeneraton tatsächlich eine andere Bedeutung als für die früheren Politiker. Für Schmidt hatte sich das Handeln immer nach der Bewegung des Ganzen, wie er sie zu erfassen glaubte, zu richten. Kohl zog Konsequenzen, als die faktischen Veränderungen (1989 Mauerfall) ihm die Möglichkeit boten, seine höchsten Güter (soziale Sicherheit, D-Mark) durchzusetzen. Diese Werte waren für ihn zeitlos (wie auch sein „Ehrenwort"). Für die jetzigen Politiker hat das, WAS sie vertreten, wesentlich mit dem WANN ihres Lebens zu tun. Dies gilt natürlich analog auch für die Spitzenleute in Sport, Kultur und Wirtschaft. Wer mag, kann dies in Zukunft bei auffälligen Entscheidungen mitzubedenken. Das hilft ihm vielleicht, den Kern hinter den Worthülsen zu entdecken und die tieferen Vorgänge besser zu verstehen, die ablaufen, längst bevor sie öffentlich werden.

© Dr. Karl Hofmann

Kairos-Kalenderblatt 19. Juli 2010

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