Am 30. Juni wird der neue Bundespräsident gewählt. Wer von den Kandidaten ist der bessere? Wer ist politischer, moralischer, volkstümlicher? So sind die Fragen des Blätterwaldes. Kairologisch dagegen beschäftigt ihr Maximumfaktor, ihr historischer Kairos. Darunter verstehen wir etwas, was für viele undenkbar ist, weil es dem gängigen Konsens über Geschichte widerspricht. Geschichte ist nicht bloß die Summe des Geschehenen, sondern ihre Realität bildet primär ein geschichtliches Kreativfeld ab, eine Art unsichtbares energetisches Internet, das räumlich und zeitlich geordnet ist.

Wer vom Postboten ein Bücherpaket von Amazon erhält, weiß, dass diesem realen Vorgang ein virtueller vorausging, in dem das Entscheidende (Auswahl, Vertrag, Bezahlung) ablief, so dass die Aktion des Postboten den unsichtbaren Prozess nur noch mehr oder weniger perfekt abbildet.

Die Kairologie erbringt den Nachweis, dass unserer realen historischen Dynamik eine imaginäre vorausgeht. Dadurch werden über verschiedene „Kreativfelder" persönliche, soziale, kulturelle und historische Entwicklungen zueinandergeordnet. Es bildet sich jederzeit ein energetisches Maximum. Das größte dieser „Felder" umfasst mehr als 1000 Jahrgänge, also eine ungeheure menschliche Galaxie mit vielen Milliarden Beteiligten. An ihm suchen wir uns, sofern wir nicht gehindert werden, zu orientieren. Das hebt die typisch menschlichen Machenschaften, Tugenden und Untugenden nicht auf. Aber gerade die herausragenden Führungskräfte unserer Gesellschaft bilden darüber hinaus auch noch ihren historischen Kairos ab.
Vor diesem Hintergrund versuchen wir uns an einer kleinen Kairos-Analyse für die beiden Präsidentschaftskandidaten. Dazu einige Thesen (zur genaueren Beschreibung und Begründung siehe Karl Hofmann, KAIROS. NAVIGATOR DER MENSCHLICHEN ZEIT, Augsburg 2010).

Joachim Gauck, Jg. 1940, steht fast am Ende einer dritten Schichtung einer Generation (C4b), (ähnlich wie Schäuble, der auch schon mal in Frage kam) für die die geistige Kraft und ihre Ausdrucksformen (so z. B. individuelle Freiheit, Demokratie, Recht) einer offenen Gesellschaft objektiviert werden müssen, um allen als reale Möglichkeit zur Verfügung zu stehen. Gauck steht für das System des Rechtsstaats (die „Gauck-Behörde" hielt die Erinnerung an die DDR und ihr „Unrechtssystem" wach). Er wäre „Einheitsstifter" (Merkel), indem er das System der Werte der BRD verkörpern und auf seine Bewahrung achten würde und damit in hohem Maße der älteren Ordnungsgeneration (über 60) entspräche.

Christian Wulff (Jg. 1959) ist mit 51 (Ende Lebensphase 8) in seinem politischen Selbstverständnis ausgereift (nach Aristoteles im idealen Alter zur Übernahme staatspolitischer Aufgaben). Er steht fast in der Mitte einer Beziehungsgeneration (C4c). Er hat ein polares Verständnis des Ganzen. Auf den ersten Blick bestehen zwischen ihm und Johannes Rau (Jg. 1931) gewisse Analogien, da beide zu einer zweiten Schichtung gehören, aber die Generationsmuster lassen sich klar voneinander abgrenzen. Der eine Pol sind die objektiven Werte und Aufgaben, die die politischen Kräfte heute haben, der andere Pol sind die Menschen in ihrer unterschiedlichen Herkunft (erste türkischstämmige Ministerin), ebenso die verschiedenen Generationen als eigene Wirklichkeiten. Die gemeinsamen Zukunftsziele müssen in der vertrauensvollen wechselseitigen Beziehung von Staat und Volk entstehen. Als Repräsentant dieses „common sense" und geistiger Führer zur Verwirklichung des gemeinsamen Zielbewusstseins wird er das Maximum seines Wirkens sehen (erhellend dazu auch Wulffs „philosophische Provokationen"). Im Ansatz ist also Wulff ähnlich wie von der Leyen (die ursprüngliche Alternative) oder Barack Obama einzuordnen.

Beide Kandidaten wären auf ihre Weise Einheit stiftend, Wulff allerdings umfasst, als Vertreter einer Beziehungsgeneration und darin wiederum nahe dran an der größtmöglichen Balance zwischen allen möglichen Polen ein weit größeres Spektrum der gegenwärtigen Gesellschaft.

Dr. Karl Hofmann

Kairos-Kalenderblatt 24. Juni 2010

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