Was Zeus konnte, kann offenbar sein jüngster Sohn Kairos auch – auf Europa reiten. Der Fall von Griechenland (und bald anderer) beschäftigt uns – wie damit umgehen? Ein existenzielles Problem für die Führungskräfte Europas. Es stellen sich auch grundsätzliche Fragen angesichts der politischen und finanzwirtschaftlichen Fakten. Wie hat dieses WAS mit dem WANN zu tun? In welchem Tempo verändern sich die Möglichkeiten des Denkens und Handelns zum Thema Europa?

Wie hat sich die Beziehung Europas zu sich selbst in mehr als 60 Jahren gewandelt? Drei kairologische Antworten.

- Europa als offene Gesellschaft – das ist eine Gestaltung in drei Wellen. Die Jahrgänge von 1896 bis 1974 bilden eine größeres geschichtliches „Kreativfeld", das ihren „Stil" der Beziehung zur Welt formt.
- Dieser „Stil" entfaltet sich in drei historischen Generationsfeldern, denen drei große Wellen der Beziehung zu Europa entsprechen.
- Der Fall Griechenland offenbart, wie sich Generation 2 und 3 im Blick auf ein gelingendes Europa unterscheiden.

Die Generation der Jugendbewegung der Jahrgänge bis ca. 1920 erlebte Europa primär als eine gemeinsame Idee (zum Teil schon spielerisch vor 1933! in „Lagern" durchgespielt), die eher in symbolischer Form realisiert wurde. Die Generation bis Ende der 40er, in Deutschland z. B. vertreten von Kohl über Waigel, Köhler bis zu Schröder und Fischer, sah ihre wesentliche Aufgabe darin, die Idee Europa in objektive Ordnungsmuster zu verwandeln. Der Euro sollte, wie Stefan Kornelius, Süddeutsche Zeitung 30.4., 4, sehr klar erkennt, die Länder des Kontinents politisch zusammenschweißen, sie zur politischen und sozialen Harmonie zwingen. Der „Kopf" Europas erhielt ein „Skelett" – den Euro als „Rückgrat" und andere Strukturen als „Knochengerüst".

Der jetzt führenden Generation ab ca. Jahrgang 1949 fällt auf, dass die Muskeln am Rückgrat fehlen. Diese „Muskeln" schafft aber erst der politische Wille zum aufrechten Gang. Europa soll also eine Einheit werden, in der das Skelett der Strukturen und die 450 Millionen „Zellen" der Menschen sich verbinden in einem gemeinsamen Willen, einem Zielbewusstsein, einem Bekenntnis zu dieser Gemeinschaft (siehe die Formeln von Lissabon oder Berlin). Vom Euroland zum Bekenntniseuropa! Und warum? Weil erst ein solches klares Zielbewusstsein die Verantwortungskräfte jedes Landes weckt. Und weil erst aus diesen Kräften eine reale Einheit Europas erwächst. Nur jene gehören zusammen, die dazu bewusst bereit sind. Nochmals Kornelius in der SZ: „Der Kontinent braucht ein politisches Bekenntnis zu seiner Währung, wenn er nicht zerfallen soll."

Der Fall von Griechenland führt Europa an jene Grenze, in der die Veränderung der Generationen zutage tritt. Anfangs trug Europa ein neuer gemeinsamer Geist, dann der Euro, künftig die Hoffnung auf ein gemeinsames Zielbewusstsein. Kairologisch entsteht diese Veränderung der Perspektive weder zufällig noch nur als Folge neuer Fakten. Sie hat ihren historischen Kairos und vollzieht sich genau im selben Tempo wie schon dreizehn vorhergehende „Stil"-Entwicklungen innerhalb eines großen okzidentalen Beziehungssystems. Darum zu wissen hebt die Probleme nicht auf, aber verschafft eine tiefere Orientierung in dem hektischen Durcheinander der Gegenwart.
© Dr. Karl Hofmann

Kairos-Kalenderblatt 30. April 2010

Hinweis für KAIROS-Leser: Siehe dazu Kap. 10 und 11.

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