Gerade in Grenzsituationen kommt zum Vorschein, welchem spezifischen „Feld" von historischer Generation und Schichtung wir unterliegen. Der Fall des Augsburger Bischofs Walter Mixa ist dafür ein erhellendes Beispiel. Es sind manchmal die kleinen Besonderheiten, bei denen viele einfach nur den Kopf schütteln, die das tiefere Handlungsmuster enthüllen. Wie sich diese Felder verändern und sich in der Wirklichkeit spiegeln, ist eben das Thema der Kairologie.

Zunächst sei eingeräumt, dass der Vorgang der letzten Wochen insgesamt sehr komplex ist, viele Perspektiven und Beteiligte umfasst. Er steht zugleich in Verbindung mit einer Medien"welle" zum Thema „Missbrauch", die viele aufwühlte, und die ihren eigenen Kairos hatte. Unsere Kairos-Analyse umfasst also sachlich nur einen Ausschnitt. Grundsätzlich gilt, dass eine solche Betrachtung nicht darauf abzielt, ein ethisches, kirchenpolitisches oder gesellschaftliches Urteil zu fällen. Sie will nur verständlich machen, welche Art von geschichtlichem „Kreativfeld" der inneren Gewissheit eines Bischof Mixa zugrundeliegt, sich so und nicht anders verhalten zu sollen. (Eine eigene Frage ist, mit wem er sich umgab und welchem Muster diese folgten). Denn dieses „Kreativfeld" bestimmt, wie jemand glaubt, das Maximum hier und jetzt für seine „Sache" leisten zu können und – wenn es um alles geht – leisten zu müssen.
Wir wollen uns hier auf drei Fragen beschränken. Warum exponierte sich Mixa wiederholt bundesweit (wofür eigentlich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zuständig war)? Warum trat er als einziger im bischöflichen Ornat bei Christiansen auf, um seine Rede von Frauen als „Gebärmaschinen" zu erläutern? Warum konnte er bis zuletzt nicht den Fehler erkennen, den er beging, als er öffentlich „reinen Herzens" alles Schlagen abstritt? Die folgenden Antworten setzen nun einige kairologische Grundkenntnisse voraus.
Walter Mixa, geboren 1941, steht am Ende der Schichtung 3 einer Generation des okzidentalen Systems, die gemäß der Matrix von HOKsys als C4b einzustufen ist. Das heißt, er gehört zu der historischen Generation der Jahrgänge 1922 bis 1948. Auf unterschiedliche Weise ist für diese die Einheit und Kraft des Ganzen identisch mit bestimmten Ordnungsmustern. Der Weg geht vom Glauben an EIN für alle gültiges Muster (z. B. Kardinal Ratzinger: katholische Welt-Vernunft) bis hin zur MULTIFUNKTIONALEN Einheit als der Summe vieler einzelner Muster, für die reale Personen oder Vorgänge stehen. Für die dritte Schichtung (Jahrgänge von ca. 1935 bis 1941) liegt die maximale Einheit in einer für sie „objektiven" Struktur begründet, die für alle das Optimum garantiert. Für den Geist steht bei Mixa eine feste Ordnung, wie sie der „katholische Glaube", der „Staat" oder die „Schöpfung" darstellen. Ihr gegenüber steht die Ordnung von Mensch, Familie, Volk oder des Standes der „Laien". Die Synthese beider liegt im objektiven „Amt", deren Funktion die „Amtsträger" ausüben und die eine kirchliche, gesellschaftliche oder auch militärische Hierarchie formen – siehe Mixas Amt des deutschen Militärbischofs.
Das Maximum dessen, was Mixa als Bischof nach seinem Muster an Einsatz bringen konnte, war zum Beispiel: Für sein Bild von objektiver Ordnung menschlichen Lebens (Gegensatz dazu: „Gebärmaschine") als Vertreter der Ordnung (Auftritt im Bischofsornat) im Rahmen der gesellschaftlichen Ordnung der BRD (Sendeformat Christiansen) aufzutreten.
Beim Thema Missbrauch war es für Mixa wesentlich, kein bewusstes, in Freiheit und in einer schweren Sache begangenes Unrecht getan zu haben. Eine „Watschn" gehörte nicht dazu, ebenso wenig ein unachtsamer, später in Ordnung gebrachter Missbrauch mit Stiftungsgeldern. Was er nicht verstand, war das Muster der nachfolgenden Generation, das zum Teil die Betroffenen, vor allem aber die Medien zum Ausdruck brachten. Was diese immer mehr empörte, war nicht die Sache, sondern die gefühlte Bedeutung, die diese Sache (z. B. eine Watschn) JETZT besaß. Während der Bischof es für seine zentrale Aufgabe hielt, das Vertrauen in sein „Amt" und die Kirche als ZEITLOSEN Wahrheitsträger zu bewahren, traten täglich mehr persönliche Aspekte wie „Lüge", „Betrug", „Skrupellosigkeit" in den Vordergrund, verbunden mit einem wachsenden „Vertrauensverlust". Während die Bewegung des Themas „Missbrauch" sich in diesen Wochen veränderte, blieb Mixa in einer unbeweglichen Position, da es für ihn nur ein „richtig" oder „falsch", ein „alles" oder „nichts" gab. Erst als ihm (von hierarchisch höherer Instanz) klar (gemacht) wurde, dass er die „Kirche" selbst beschädigte, unterwarf er sich. Der Kampf endete plötzlich am 21. April.
In aller Kürze sollte diese Betrachtung nur eines verdeutlichen. Eine kairologische Analyse untersucht die geschichtlichen Bedingungen für die Wahrscheinlichkeiten, nach denen jemand „reinen Herzens" glaubt, handeln zu müssen.

Kairos-Kalenderblatt 27. April 2010

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