718 Jahre lang wagte es kein Papst mehr zurückzutreten. Warum tat es Benedikt XVI.? Keine akute Krankheit, keine Demenz. Die Rede war nur vom Alter, von nachlassenden Kräften, – das hätte auch für die meisten Vorgänger gegolten. Wenn es aber – vor allem aus Sicht der Kardinäle – keine echten Argumente gab, warum dann? Um welchen letzten großen symbolischen Akt ging es Benedikt? 

Dazu müssen wir dorthin schauen, wo sich zwischen Input und Output in einem Menschen die Welt nach Kraft und Bedeutung ordnet. An diesem „Ort“ verbindet sich unser Hier und Jetzt mit einer größeren menschlichen Dynamik, die wir gewöhnlich nur ahnen. Dort, an diesem namenlosen „Ort“, den man auch „Seele“ nennen könnte, wird entschieden, was für jeden das „Optimum“ im Ganzen ist. Wir haben viele Namen für unsere Beziehung zu diesem „Ort“, von dem unsere eigentlichen Gewissheiten ausgehen. Immer geht es dabei um Kairos, hier um einen echten historischen Kairos. 

Was war der historische Kairos, der einem Josef Ratzinger mit dem Jahrgang 1927 mitgegeben war? Auf welche Weise glaubte er, seiner Berufung am besten gerecht zu werden? Gewöhnlich können wir darauf nur antworten, indem wir eine lange Kette von Indizien schmieden, die wir gemäß der eigenen Perspektive auswerten. Der Vorteil des Kairos-Wissens ist: Wir können den inneren Horizont einer Persönlichkeit in seinem Generationsfeld verorten. Das führt uns auch in diesem Falle zu einer schnelleren und sichereren Wertung. 

Benedikt XVI. setzte einen offensichtlichen Kontrapunkt zu seinem Vorgänger Johannes Paul II. (Jg. 1920). Dieser  gestaltete sein persönliches Leiden zur repräsentativen Botschaft für alle Christen und für die Welt: bis zuletzt gleichförmig mit Christus werden. Benedikt wollte und wird als der Papst in die Geschichte eingehen, der, altersgeschwächt, aber ohne Anzeichen einer besonderen Krankheit, in Freiheit und ohne äußeren Druck (keiner der Kardinäle war vor der Ankündigung am 11. Februar eingeweiht) ein völlig anderes Zeichen setzte. Welches? 

Dazu halten wir zunächst manches fest, was auch bisher gut zu beobachten war. Das eigentliche Anliegen dieses Papstes war von grundsätzlicher Art: die geistige Einheit, die Einheit von Glaube und Vernunft, die Konzentration auf die geistige Zusammenschau der Wirklichkeit. Seine zentrale Leistung schon als Leiter der Glaubenskongregation: Ein neuer Weltkatechismus. Umfassend in einem modernen Sinne: biblisch, dogmatisch, ethisch, spirituell. In diesem Sinne wollte er die Kirche „entweltlichen“, die staatsfreie „kleine Herde“. So appellierte er auch an die deutschen Bischöfe und stieß auf großen passiven Widerstand. Die Kehrseite dieses Herzensanliegens: Benedikt war kein praktischer Reformer, kein Jurist, kein Politiker. Er ließ vieles zu, um der größeren Einheit willen. Er litt lieber als dass er hart durchgriff, wenn er erlebte, wie wenig geistlich viele lebten (Missbrauchsskandale, Piusbrüder, Intrigen, machtorientierte Netzwerke). 

Nun ließen die Kräfte nach. Es war fast alles gesagt. Wie ließ sich am Ende all das, worum es ihm lange Jahre gegangen war und worauf nur wenige gehört hatten, in einem Akt ausdrücken, dessen Wirkung sich alle nur schwer entziehen konnten? Benedikts Antwort: In dem (scheinbar unvorstellbaren) Rücktritt als einer (noch) freien und bewusst vollzogenen Handlung. Am 28. Februar demonstrierte Benedikt XVI. die von ihm gepredigte „Entweltlichung“ an sich selbst. So verkündete er aller Welt, dass der gläubig-vernünftige Geist, von dem er stets sprach, letztlich stärker sein konnte als die Skepsis aus 2000 Jahren Geschichte, als alle machtorientierten, rechtlichen, dogmatischen oder pastoralen Bedenken. Der Rest ist erfülltes Schweigen. 

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