Kairologisch haben wir nicht die Aufgabe, Wahlergebnisse vorherzusagen. Wichtiger ist es, die maßgeblichen Persönlichkeiten tiefer zu verstehen.
Angela Merkel (Jg. 1954/C4c1). Die Bundeskanzlerin steht am Ende der ersten Schichtung einer Beziehungsgeneration. Sie hat mit ihren 59 Jahren die Zeit der persönlichen Selbstentfaltung ausgeschöpft und befindet sich gerade am Ende des ersten Lebensquants der 10. Lebensphase. Vor 8 Jahren hat sie sich die Macht erkämpft, vor  4 Jahren hat sie diese vernünftig mit der FDP geteilt. Jetzt agiert sie aus einer Position der Ruhe und persönlichen Überlegenheit heraus. Inzwischen ist offensichtlich, dass sie nicht als Funktion von Prinzipien zu verstehen ist. Sie orientiert sich vielmehr an der möglichen geistigen Beziehung, die sich zwischen den Prinzipien, an die sie glaubt, und den Menschen, wie sie sich verändern, herstellen lässt. Sie hat den Fall Fukushima hergenommen, um aus der Atomkraft auszusteigen. Damit nahm sie ihren Gegnern ein wesentliches Anliegen aus der Hand. Sie erkannte hier ein allgemeines Bedürfnis, auch wenn die praktische Umsetzung dieser Kehrtwende bis heute nicht geklärt ist.Wie ist Merkel zu verstehen? Stets ist ein Dreifaches zu bedenken: 1. Sie vertritt geistig bestimmte Prinzipien. 2. Ihr zweiter Pol sind die Menschen, wie sie in ihrer Dynamik einfach sind. 3. Sie stellt in ihrer Person zwischen beiden eine Beziehung her, die sich in einem bestimmten Verantwortungsbewusstsein zeigt. Die daraus hervorgehenden Zielsetzungen sind ihre eigentliche kreative Leistung. Warum schadet es Merkel nicht, dass sie wiederholt ihre Positionen wechselt? Weil bei ihr die Menschen den Grund eher darin sehen, dass ihr im Zweifelsfall das Wohl des Staates wichtiger ist als die Programmatik ihrer Partei. Daher geht die Strategie der SPD, ständig an diesen Wandel zu erinnern, nach hinten los. (Das geht auch aus politologischen Untersuchungen an dem Mannheimer Uni hervor, vgl. Süddeutsche Zeitung v. 22.8.2013,2.). 

Peer Steinbrück (Jg. 1947/C4b4). Er gehört zur 4. Schichtung einer Ordnungsgeneration. Sein Optimum liegt im direkten zweckorientierten Handeln. Er kann es mit allen, die von Fakten ausgehen und die in einer konkreten Situation bereit sind, Fakten zu schaffen. Ihm entspricht die direkte, schnörkellose Sprechweise – deren Kontrast zu der im Allgemeinen bleibenden Rede von Merkel leicht zu erkennen ist. So entspricht er – genau um eine Generation versetzt – Altbundeskanzler Schmidt.In gleicher Weise ist für Steinbrück das Problem nicht die Realität, sondern seine Partei, deren linkes Korsett ihm am Ende die „Beinfreiheit“ nehmen würde.Steinbrück ist ein Opportunist im besten Sinne des Wortes – er arbeitet von Fall zu Fall. Was er jetzt macht, ist ein Probieren (wie der Münchner Oberbürgermeister Ude, ebenfalls Jg. 1947, als Herausforderer von Ministerpräsident Seehofer in Bayern). Fällt ihm die Macht nicht zu, zieht er sich wieder zurück (wie auch Mitt Romney, Jg. 1947, einfach von der Bildfläche verschwand). Es geht ihm um die Freiheit, verantwortlich entscheiden zu können – und nicht darum, für ein Programm, eine Partei oder gar für persönliche Interessen einzustehen. 
Bleibt es so ruhig bis zur Wahl, hat Steinbrück persönlich keine Chance. Aber das heißt nicht, dass Merkel zuletzt siegt. Das hängt nämlich nur bedingt von ihr selbst oder ihrer Partei ab, sondern von dem, was die FDP erreicht bzw. ob die SPD doch mit der Linken zusammengeht oder davon, ob unerwartete andere Parteien in den Bundestag gelangen. So schlecht die Umfrageergebnisse für die SPD auch im Moment sind, ihr Kandidat kann berechtigterweise hoffen und Merkel mag recht haben mit ihrer Aussage, es werde „sehr, sehr knapp“.

Entnommen aus: KID Kairos Informationsdienst, August 2013

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